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Anfag des Weihnachtsmärchens ]
"Du bist eine kleine klare Sonne!" sagte Gretchen. "Sage mir, ob
du weißt, wo ich meinen Gespielen finden kann?"
Und die Butterblume glänzte so schön und sah wieder auf Gretchen.
Welches Lied konnte die Butterblume wohl singen? Es handelte auch nicht von
Karl.
"In einem kleinen Hofe schien die liebe Gottessonne am ersten
Frühlingstage schön warm, ihre Strahlen glitten an des Nachbarhauses
weißen Wänden hinab, dicht dabei wuchs die erste gelbe Blume und
glänzte golden in den warmen Sonnenstrahlen. Die alte Großmutter
saß draußen in ihrem Stuhl, die Enkelin, ein armes, schönes
Dienstmädchen, kehrte von einem kurzen Besuche heim; sie küsste die
Großmutter. Es war Gold, Herzensgold in dem gesegneten Kusse. Gold im
Munde, Gold im Grunde, Gold dort in der Morgenstunde! Sieh das ist meine kleine
Geschichte!" sagte die Butterblume.
"Meine arme alte Großmutter!" seufzte Gretchen. "Ja, sie
sehnt sich gewiss nach mir, ist betrübt über mich, ebenso, wie sie es
über den kleinen Karl war. Aber ich komme bald wieder nach Hause, und dann
bringe ich ihn mit. - Es nützt zu nichts, dass ich die Blumen frage, die
wissen nur ihr eigenes Lied, sie geben mir keinen Bescheid!" und dann band
sie ihr kleines Kleid auf, damit sie rascher gehen könne; aber die
Pfingstlilie schlug ihr über das Bein, indem sie darüber hinsprang.
Da blieb sie stehen, betrachtete die lange gelbe Blume und fragte:
"Weißt du vielleicht etwas?" und sie bog sich ganz zur
Pfingstlilie hinab; und was sagte die?
"Ich kann mich selbst erblicken, ich kann mich selbst sehen," sagte
die Pfingstlilie. "O, o, wie ich dufte! - Oben in dem kleinen Erkerzimmer
steht, halb bekleidet, eine kleine Tänzerin, sie steht bald auf Einem
Beine, bald auf beiden, sie tritt die ganze Welt mit Füßen, sie ist
nichts als Augenverblendung. Sie gießt Wasser aus dem Teetopf auf ein
Stück Zeug aus, welches sie hält, es ist der Schnürleib -
Reinlichkeit ist eine schöne Sache! Das weiße Kleid hängt am
Haken, das ist auch im Teetopf gewaschen und auf dem Dache getrocknet; sie
zieht es an, nimmt das safrangelbe Tuch um den Hals, so scheint das Kleid
weißer. Das Bein ausgestreckt! Sieh, wie sie auf einem Stiele prangt! Ich
kann mich selbst erblicken! Ich kann mich selbst sehen!"
"Darum kümmere ich mich gar nicht!" sagte Gretchen. "Das
brauchst du mir nicht zu erzählen!" und dann lief sie nach dem Ende
des Gartens.
Die Tür war verschlossen, aber sie drückte auf die verrostete Klinke,
so dass diese los ging; die Türe sprang auf, und da lief das kleine
Gretchen mit bloßen Füßen in die weite Welt hinaus. Sie
blickte dreimal zurück, aber da war Niemand, der sie verfolgte; zuletzt
konnte sie nicht mehr gehen und setzte sich auf einen großen Stein, und
als sie ringsum sah, war der Sommer vorbei, es war Spätherbst, das konnte
man in dem schönen Garten gar nicht bemerken, wo immer Sonnenschein und
Blumen aller Jahreszeiten waren.
"Gott, wie habe ich mich verspätet!" sagte das kleine Gretchen.
"Es ist ja Herbst geworden, da darf ich nicht ruhen!" und sie erhob
sich, um weiter zu gehen.
O, wie waren ihre kleinen Füße wund und müde! Rings umher sah
es kalt und rau aus; die langen Weidenblätter waren ganz gelb und der Tau
tröpfelte als Wasser herab, ein Blatt fiel nach dem andern ab, nur der
Schlehendorn trug noch Früchte, die waren herbe und zogen den Mund
zusammen. O, wie war es grau und schwer in der weiten Welt!
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