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Weihnachten im Sommer

Weihnachtsgeschichte von Monika Hunnius - Seite 2

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Da bricht Onkel das Schweigen: "Weißt du, dass du von Gott besonders begnadet bist, dass du singen kannst?" sagt er.
"Ja, ich weiß es".
"Dein ganzes Leben muss ein Dank dafür sein", sagt er, "vergiss es nicht."
Ich nehme seine alte liebe Hand in die meine und küsse sie. Dann gehen wir in die Kirche. Sie ist dicht gefüllt, Kopf an Kopf gedrängt sitzen die Zuhörer da; alles ist voll Andacht und Feierlichkeit. Ein Orgelpräludium braust durch den Raum, dann wird es still, und nun kommt meine Gesangsnummer.
Ich stehe oben und blicke über all die Menschen hinweg, ich sehe sie nicht! Gerade in den Himmel hinauf geht mein Blick, und nun erklingt eine Händel - Arie: "Gewähre, o Herr, dass an jenem Tag des Gerichts unser Herz gereinigt werde." Wie hell meine junge Stimme über den dunklen Akkorden schwebt, wie ahnungslos meine Lippen die angstvollen Worte sprechen: "Herr, erbarme dich, ach, erbarme dich über uns." - Das Konzert ist zu Ende. Als wir heimgehen, sind die Vettern von einer unbeschreiblichen Ritterlichkeit, nicht nur meine Noten wollen sie tragen, sie überbieten sich in ehrerbietigen Aufmerksamkeiten, der Friede ist geschlossen, das Kriegsbeil begraben. Aber ich darf nicht ins Haus, ich werde in die Küche gesperrt. Nun kommt Onkel, nimmt mich an der Hand und führt mich vor die verschlossene Tür des Saales. Er öffnet sie - mitten im verdunkelten Zimmer steht ein strahlender Weihnachtsbaum mit Lichtern geschmückt, und ein Chorgesang erklingt: "O du fröhliche, o du selige . . . "
Ja, es ist Weihnachten, mitten im Sommer. Onkel hält eine Rede: "Du sollst etwas Besonderes haben", sagt er, "denn du hast uns heute besonders froh gemacht mit deinem Singen. Zum wirkliche Weihnachtsfest im Winter konntest du ja nie hier sein, darum sollst du heute einen Weihnachtsbaum haben. Das hat der Heiland uns nicht verboten. Wenn wir uns nur in ihm freuen." Er nimmt mich an der Hand und führt mich zu einem Gabentisch. Jeder hat etwas geschenkt. Jubel und Lachen erfüllt den großen Raum, alles drängt sich um mich; jeder preist sein Geschenk, zeigt es, legt es mir besonders ans Herz. Von Onkel ist ein kleines Kästchen von Silberfiligran da, was er ein "Rokoko" nennt. Alles, was ihm in der Form irgendwie auffällt, nennt er "ein Rokoko".
Cousine Jenny schenkt mir einen goldenen Ring, sie ist manchmal etwas leichtsinnig.
"Sie hat ihn auf "Puff" genommen", schreit Vetter Georg, "ich weiß es ganz genau, denn sie hat gar kein Geld."
"Ja", bestätigt Jenny würdevoll und streckt mir den schmalen Reif an die Hand, "so ist es auch, das schadet aber dem Ring in keiner Weise."
Alles lacht.
"Nun, Jungens, setzt sie auf einen Stuhl und hebt sie hoch!" ruft Onkel Hermann. Von starken Armen werde ich auf meinem Stuhl emporgehoben.
"Hurra, hurra!" ruft alles, ich greife von meinem luftigen Sitz jubelnd nach den brennenden Lichtern am Weihnachtsbaum. Dann gehen wir in den Garten, die Linden blühen, die Rosen duften, die große Tafel zum Abendessen ist draußen gedeckt.
Onkel hält mich an der Hand. Wir blicken zusammen in die Sommerpracht, ich noch halb betäubt von dem, was ich eben erlebt.
"Wie reich sind wir", sagt Onkel, "alles können wir haben, denn alles ist unser, wenn wir nur immer Gottes sind und bleiben.
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