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Weihnachten
auf einem livländischen Pastorat
Weihnachtsgeschichte
von Monika Hunnius - Seite 4
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Anfag der Weihnachtsgeschichte ]
"Bei Gott, Herr Pastor, ich habe zwei Engel gesehen", sagt er,
"geht so was auf zwei Füßen auf der Welt herum?"
Der Pastor will ihn glücklich machen und schickt ihn mit einem Auftrag ins
Weihnachtszimmer. Er wird von uns sofort angestellt, was ihn ganz außer
sich vor Glück macht. Tempe steht hoch auf einer Leiter, um die goldenen
Nüsse an der Spitze des Baumes zu befestigen.
"Sie fällt herunter!" schreit Bobbi, "halten Sie fest, Herr
Küster!"
Der Küster nähert sich ehrfurchtsvoll der Treppe, auf der sie steht,
und breitet die Arme aus, um sie im Notfall aufzufangen. Bobbi versetzt der
Treppe Stöße, in der Hoffnung, sie herabzustürzen; der
Küster lächelt leise in sich hinein. -
Es ist Nachmittag. Der Pastor ist zum Gottesdienst, wir aber gehen nicht mit,
denn die Kirche ist eisig. Wir sitzen im Speisezimmer auf dem Fensterbrett mit
dem breiten Tritt davor und blicken auf die erleuchtete Kirche, aus der
Orgelklang und Gesang herüberschallen. Alles liegt im tiefen Schnee. In
dem großen Kachelofen knackt das Birkenholz, aus der Küche klingen
gedämpft die Stimmen der Leute. Dann decken wir den Tisch zum Abendessen
und schmücken ihn mit Stechpalmen, deren rote Beeren purpurn auf der
weißen Tischdecke schimmern. Zuletzt wird über die Unterbringung des
Mistelzweiges beraten.
"Wir hängen ihn an die Lampe über den Speisetisch", schlage
ich vor.
"Nein, er kommt über die Tür des Speisezimmers", sagt
Bobbi, "und jedes Mädchen, das am Weihnachtsabend unter ihm durch
geht, bekommt einen Kuss. So ist`s bei uns Sitte."
"Nun, das wollen wir erst sehen!" rufen die beiden jungen
Mädchen.
Mit wuchtigen Hammerschlägen befestigt Bobbi den Mistelzweig über der
Speisezimmertür.
Der Weihnachtsabend ist da, der Pastor ist aus der Kirche zurückgekehrt,
und das Zimmer ist gefüllt mit allen Hausleuten: Erwachsenen und Kindern.
Meine drei Kinder stehen beieinander, die jungen Mädchen in weißen
Kleidern. Jugend und Schönheit strahlen aus ihren Gesichtern. Wir singen:
"O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!"
Die Hausleute singen estnisch mit, dann liest der Pastor das
Weihnachtsevangelium: "und es waren Hirten beisammen auf dem Felde, die
hüteten ihre Herden des Nachts - und die Klarheit des Herrn umleuchtete
sie."
Welch ein Friede liegt über diese Erinnerungen, welch ein Licht und welch
eine Freude! Wie fröhlich war nachher das Festessen am geschmückten
Tisch! Das Herz des stillen Pastors tat sich weit auf und ließ die Freude
herein, er war der fröhlichste von uns. Nachher saßen wir im
Weihnachtszimmer, still und friedlich schloss der Abend. Wir saßen unter
dem brennenden Baum, bis die Lichter heruntergebrannt waren, meine drei
Pflegekinder dicht an mich gedrängt. Wie bald werde ich ihre Hände
loslassen müssen und sie von mir ziehen sehen!
Aber solche Stimmungen ließ Bobbi nicht lange aufkommen, er erhob sich,
was wollte er nur? Er stellte sich mitten in die Tür unter den
Mistelzweig.
"Keine kann ins Schlafzimmer, ohne hier an mir vorüberzukommen, und
nach altem englischen Brauch bekommt sie einen Kuss!"
Es wurde Kriegsrat gehalten. Der Pastor weiß nicht, was er für ein
Gesicht dazu machen soll. "Wir überrennen Bobbi", schlug Tempe
vor. Aber wir kannten seine sportgeübten Kräfte, mit Gewalt ging es
nicht, also musste man zur List greifen. Es gelang uns wirklich, im Bunde mit
dem Pastor ihn von der Tür fortzulocken, durch die die jungen Mädchen
dann wie ein Sturmwind brachen - sie waren gerettet!
"So können wir den Weihnachtsabend aber nicht
beschließen", sagte ich. "Wir wollen das Weihnachtsoratorium
singen."
Der Pastor war müde und ging in sein Zimmer. Ich setzte mich ans Klavier
und schlug die Noten auf, und wir sangen wieder das ganze Weihnachtsoratorium,
alle Chöre, alle Quartette, alle Soli. Einige Lichtlein hatten wir noch
auf den Tannenbaum gesteckt, die leuchteten
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