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Weihnachten
auf einem livländischen Pastorat
Weihnachtsgeschichte
von Monika Hunnius - Seite 3
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Anfag der Weihnachtsgeschichte ]
Schlägen, dann neigt sie ihren Wipfel und sinkt langsam zu Boden. Mit
Indianergeheul stürzt William sich auf sie, im Triumph wird sie zum
Schlitten durch den Schnee geschleift. Zwei Schlitten werden zusammengebunden,
darauf wird sie gelegt, und wir fahren im Zuge heim. Bald steht die hohe,
dunkle Tanne mitten im Wohnzimmer; ihre Spitze reicht bis an die Decke, und ihr
Duft dringt durch alle Räume. Der Pastor hat uns mit der Nachricht
empfangen, es sei eine Kiste für Tempe angekommen. Die Kiste kommt aus
Süddeutschland und birgt für uns fremde Schätze. Sie ist
gefüllt mit Zweigen von Stechpalmen, sogar ein Mistelzweig ist darin. Die
sollen am Weihnachtsabend den Weihnachtstisch schmücken.
Der Pastor kündigt uns an, dass wir ins Armenhaus fahren, um mit den
Armenhäuslern Weihnachten zu feiern. Wir werden dick verpackt, denn es ist
ein eisiger Wintertag, und das Armenhaus liegt weit. Wir fahren wieder in
einzelnen kleinen Schlitten, man sieht sie über die Schneefläche
gleiten und hört das Läuten der Glocken durch die tiefe Stille. So
weit das Auge reicht, eine weite Schneefläche, die Einsamkeit ist
unermesslich.
Nun halten wir vor dem Armenhaus, einem langestreckten, dunklen, traurigen
Gebäude, und wir wickeln uns aus unseren Pelzdecken. Alle Vorräte
werden aus dem Schlitten ins große Zimmer des Armenhauses getragen. Es
ist halbdunkel drinnen, eine Petroleumlampe hängt von der Decke und
leuchtet den trüben Raum. Hier haben sich alle versammelt und warten auf
eine Weihnachtsfreude. Betten stehen an den Wänden, in denen Kranke
liegen, auf Bänken und Stühlen haben die anderen Platz genommen,
vergrämte, alte müde Gesichter. In der Mitte des Zimmers, gerade
unter der Lampe, werden die mitgebrachten Sachen ausgebreitet. Die Leute kommen
alle heran und umstehen erwartungsvoll die Gaben. Der Pastor ruft den Namen der
einzelnen auf, der Gerufene tritt in den Lichtkreis der Lampe, und Bobbi teilt
ihnen die Geschenke aus.
Er hat für jeden ein strahlendes Lächeln, ein freundliches Wort. Sie
verstehen ihn nicht, aber sie fühlen die Freundlichkeit und das Licht, das
aus seinen schönen Augen strahlt. Mit Säcken und Körben stehen
sie da, in die sie ihre Gaben stecken, die meist aus Esswaren bestehen; dann
gehen sie wieder an ihre Plätze. Der Pastor spricht nun ein kurzes Gebet,
dann erzählt er, dass die jungen fremden Menschen, die heute unter ihnen
wären, um den Kranken und Traurigen Freude zu bringen und ihnen etwas
vorzusingen, weil es Weihnachten sei. Alles Murmeln und Sprechen hört auf;
eine tiefe Stille erfüllt das Zimmer. Die drei jungen Menschen stehen
unter der Lampe, deren Licht hell auf sie fällt. Bobbi hat seine beiden
jungen Freundinnen an den Händen gefasst, sie singen: "Stille Nacht,
heilige Nacht!" Es ist ein Bild voll Schönheit und Reinheit, und die
drei Stimmen klingen wie aus einer anderen Welt in all die Krankheit und das
elend hinein. Ein Lied nach dem anderen folgt, die Kranken heben sich aus ihren
Betten empor, sitzen aufrecht und trocknen sich mit zitternden Händen die
Augen, die alten Weiblein weinen in ihre Schürzen. Nun sind die goldenen
Stimmen verklungen, und in die tiefe Stille spricht plötzlich ein alter
Mann: "Gott hat uns seine Engel vom Himmel geschickt", sagt er,
"damit wir an seine Liebe glauben. So etwas werden wir nie wieder
hören." "Doch, doch", unterbrach ihn ein altes
Mütterchen, "wenn wir als Engel um Gottes Thron stehen werden."
"Nun aber, Leute, dankt", sagt wieder der alte Mann, "dankt mit
einem Liede." Alles, was sich erheben kann, erhebt sich; der Alte stimmt
einen Choral an. Zitternde, gellende Stimmen erklingen, aber mit heißer
Inbrunst wird gesungen, und ich glaube, dieser Gesang steigt ebenso vor Gottes
Thron wie das holde Singen der drei jungen Künstler. -
Der Weihnachtstag ist angebrochen. Wir schmücken den Weihnachtsbaum mit
goldenen Nüssen und kleinen roten Äpfeln. Der Küster ist
gekommen, Tempe und Eva haben ihm die Tür geöffnet. Er ist ein alter
Original, das schon unter dem Vater das jetzigen Pastors sein Amt mit
Wichtigkeit geführt hat. Er fühlt sich durchaus zum Pastorat
gehörig und spielt eine große Rolle unter den Bauern. Er steht in
der Amtsstube vor dem Pastor und vergisst sein Amt, das ihm sonst heilig und
wichtig ist.
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