Nikolaus-Weihnachten.de - Weihnachtsgeschichten, Weihnachtsgedichte, Weihnachtsbilder, ...
Impressum
  
   Weihnachtsgeschichten
   Weihnachtsgedichte
   Weihnachtslieder
  
   Weihnachtsbilder
   Weihnachtsgeschichte
   Weihnachtsmarkt
   Winterbilder
   Weihnachtsmotive
  
   Die
   Weihnachtsgeschichte
   Die
   Nikolauslegende

   Biefe an den
   Weihnachtsmann

   Weihnachten im Internet





Am See und im Schnee

I. Am See.

Weihnachtsgeschichte von Heinrich Seidel - Seite 6

[ zurück zum Kapitelanfang der Weihnachtsgeschichte ]

ein herrliches und ausdauerndes Gesprächsthema fand. Diese Kreuzotter musste aber die letzte ihres Stammes gewesen sein, denn seit jener Zeit hatte man in der ganzen Gegend nicht mehr von so verdrießlichem Gewürm gehört.
Unter solchen Gedanken war Hella langsam an dem Rande des Waldes entlang geritten und kam nun an eine Stelle, die stets eine ganz besondere Lockung auf sie ausgeübt hatte. Seit das Zerwürfnis zwischen den beiden Familien ausgebrochen war, bestand ein Verbot ihres Vaters, den Wald des feindlichen Gutes jemals zu betreten, und das war ihr an diesem anziehenden Fleck immer besonders grausam und hart erschienen. Die ragenden Stämme, die den größten Teil des Forstes bildeten, traten dort zurück und umgaben in weitem Bogen eine von niederem Buschholz, blumigen Grasflächen und einzelnen größeren Bäumen erfüllte Lichtung. Unter diesen tat sich eine mächtige Eiche hervor, die sich in der Mitte dieses Platzes gleichsam als der König des übrigen Pflanzenwuchses darstellte. In der Umgebung hieß diese Gegend "der Vogelsang", und zwar mit Recht, denn solche Orte lieben unsere Singvögel, und in jedem Frühling war hier ein fast betäubendes Flöten und Musizieren. Auch schien es Hella immer, dass nirgendwo so herrliche Waldblumen zu finden seien als hier, und im Sommer, wenn ein betäubender Duft von Jelängerjelieber dort wehte, hatte sie als Kind oft sehnsüchtig hinübergeblickt nach den üppigen Himbeerbüschen und den mit blaubereiften Früchten bedeckten Rankenhügeln der Brombeeren.
Auch heute, wo der Gesang der Vögel bereits verstummt war und statt der leuchtenden Blumen nur eine verschiedenartige Färbung des Laubes und das glänzende Rot der Vogelbeeren oder das schimmernde Schwarzblau der Schlehen vorhanden war, übte dieser Ort den alten Zauber auf sie aus. In dem stillen Sonnenschein, der in der geschützten Bucht warm brütete, flogen behaglich die bunten Herbstschmetterlinge, ein Zug zwitschernder Meisen ging von Baum zu Baum, an die feinsten Zweige sich anhäkelnd, in der Ferne hob ein Reh lauschend den Kopf und schritt zögernd und scheinbar widerwillig dem Hochwalde zu; alle schienen gern zu verweilen an diesem freundlichen Ort.
Hella war heute unternehmungslustiger als sonst, sie warf den Kopf auf, als wollte sie sagen: "Ei warum denn nicht?" Einen Augenblick später war sie vom Pferde, band das Pony am Waldrande an einen Ast und schickte sich an, den Wunsch ihrer Kindheit zu erfüllen, in das verbotene Paradies einzudringen. Als sie zwischen dem Buschwerk durch das hohe Gras dahinging und dazu unternehmungslustig die kleine Reitpeitsche schwenkte, schrak sie doch plötzlich zusammen über den hässlichen, schnarrenden Ruf eines Hähers, der wahrscheinlich in den Nussbüschen eine Nachlese gehalten hatte und nun entfloh. Aber gleich lächelte sie wieder: "Das ist man bloß der Holtschraag," dachte sie mit denselben Worten, die damals Fritz gebraucht hatte. Ob er wohl noch jetzt immer "man bloß" sagte? Als Kind hatte er ein hübsches, gesundes Aussehen gehabt, aber so viele Sommersprossen, dass sein Gesicht anzusehen war wie das gesprenkelte Ei eines Wasserhuhns.
Hella schritt weiter durch das windstille, sonnige Schweigen, nur das Laub raschelte zu ihren Füßen und die Gräser, die ihr Kleid streifte. Sie kam an die alte Eiche, die noch stolz und grün emporragte und eine Unzahl von ihren Früchten in das Gras gestreut hatte. Ein Eichhörnchen rannte in komischen Sprüngen davon und sprang in hastigen Sätzen an der rauen Borke des mächtigen Stammes in die Höhe. "Katzeicher," dachte Hella unwillkürlich und lächelte. Hinter der Eiche senkte sich der Grund zu einem kleinen Erlenbruch, und diesen kleinen Abhang hinab hatte sich ein ungeheurer Strauch von wilden Rosen gelagert. Aber die zarte Pracht seiner unzähligen, blassroten Blüten war längst entschwunden und hatte einer Unmenge von nützlichen Hagebutten Platz gemacht, die gleich Korallen leuchteten. So gelangte Hella endlich an das Ende der Lichtung, wo die glatten Stämme schimmernder Buchen empor standen. Es verlockte sie, zu dem kleinen See vorzudringen, um zu sehen, ob die Mooshütte wohl noch stände, und den Platz wieder zu betrachten, an dem so freundliche Kindheitserinnerungen hafteten. In diesen gewaltigen Buchenhallen war es noch stiller als in der Lichtung. Die einfallenden Sonnenlichter hoben die aus dem welken Laube aufgetauchten
Seite: Seite 1 - Am See   Seite 2 - Am See   Seite 3 - Am See   Seite 4 - Am See   Seite 5 - Am See   Seite 6 - Am See   Seite 7 - Am See   Seite 8 - Am See   Seite 9 - Am See   Seite 10 - Am See

Am See und im Schnee:
1. Am See
2. Im Schnee






Nikolaus-Weihnachten.de
copyright © 2006, camo & pfeiffer



Weihnachtsgeschichte: Am See und im Schnee - Am See.


Nikolausgedicht