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Margretchen
war fast noch gar nie über die enge Gasse hinausgekommen, in der die
Eltern gelebt und wo jetzt auch Frau Bendel wohnte. Nur ein kleine wenig konnte
sie sich's noch denken, wie sie einmal mit Vater und Mutter einen Spaziergang
gemacht hatte weit hinaus, wo grüne Wiesen waren und gelbe Blümchen
darauf, von denen sie einen ganzen Strauß hatte selbst pflücken
dürfen. "Gehen wir nicht auch ein einziges Mal auf eine so
schöne Wiese?" hatte sie ein paar Mal Frau Bendel gefragt. "O
Mädel, da ist's grausig weit!" hatte sie gesagt; "auf den Sommer
einmal, am Sonntag, jetzt hab' ich keine Zeit, hab' zu viel zu flicken, wenn
ich daheim bin." Nun schien einmal nachmittags die Sonne so gar schön
warm und die Kleine saß allein auf der Bank vor dem Hause. Da
gelüstete sie's, sie möchte doch wohl sehen, wie's draußen sei;
so ging sie dann die Gasse hinunter in eine andere Gasse, da war's nicht viel
schöner, - weiter, immer weiter, es wurde ihr fast bang unter den fremden
hohen Häusern: "Wo geht's denn hinaus?" fragte sie endlich einen
Mann. "Wo `naus?" fragte der. "Ach, wo die Wiese ist!"
sagte Margretchen. "Schafft deine Mutter vielleicht draußen in den
Gärten?" sagte der Mann, der nicht recht wusste, was das Kind wollte;
"da, geh nur gerad die Straße hinunter, so kommst du hinaus, finden
wirst sie schon."
Auf diese Wiese kam nun Margret nicht, aber in die Vorstadt, wo auf einer Seite
neue, freundliche Häuser standen, und auf der andern schöne
Gärten, - es kam dem Kind ganz wunderbarlich vor und wurde ihm fast
schwindlich in der Helle, da sie nur die trübe Gasse gewöhnt war. Auf
einmal blieb sie ganz verwundert stehen vor einem Haus, das besonders
schön und freundlich in einem Garten stand, so schön hatte
Margretchen doch in ihrem Leben nichts gesehen! Ein niedriger schwarzer Zaun
schloss den Garten gegen die Straße ab; frische grüne
Rasenplätze waren auf beiden Seiten und Blumenstöcke mit prachtvollen
Georginen und schönen brennendroten Geranien dazwischen, ein Springbrunnen
stieg mit einem dünnen silbernen Strahl in die Höhe und nah am Haus
da waren noch die allerschönsten Blumenstöcke.
Das Haus war wie ein Schweizerhaus gebaut mit einem Balkon und zierlich
geschnitztem Dach; vor dem Haus zwischen den Blumen stand ein Tischchen, und
darauf allerlei gute Sachen; auf einem Rohrstuhl saß eine schöne
Frau, und daneben in einem weichen Lehnsessel, mit rotem Samt gepolstert, ein
kleines Mädchen, nicht viel größer als Margret, mit einem
schneeweißen, zarten Gesichtchen, das ganz durchsichtig aus einem feinen
Spitzenhäubchen mit rosa Schleifen blickte. Margretchen stand und blickte
wie im Traum, es kam ihr das alles zusammen so ganz wunderbar und schön
vor; so schön, dachte sie, werde es vielleicht im Himmel sein, wo jetzt
die selige Mutter sei und der Vater. Das fremde Mädchen selbst, wie es so
zart und blass dalag, erschien ihr fast wie ein Engel. "Liebe Frau,
Gabriele soll jetzt in's Haus, es wird kühl!" rief es vom Hause.
Gabriele! ach was war das ein schöner Name! Margretchen stand noch immer
und konnte sich nicht satt sehen, bis eine Magd kam, die das kranke
Mädchen sorgfältig in die Arme nahm und ins Haus trug.
Weil oft Leute stehen blieben vor dem schönen Haus und Garten, so hatte
die Dame und die kleine Kranke nicht auf das Kind geachtet; ein
vorübergehender Polizeidiener aber, der vorher schon verdrießlich
war, klopfte sie unsanft auf die Achsel und sagte: "Nun, was stehst du da
und hast Maulaffen feil? Herr Soden kann's nicht leiden, wenn man so
hineinglotzt." "Wir haben gar nichts mehr feil," sagte Margret
treuherzig; "die Mutter ist ja tot, und Maulaffen haben wir gar nicht im
Laden gehabt, nur Maultrommeln; aber sie haben nicht geschnurrt, sie sind
rostig geworden." Margretchen hatte schon recht gut Bescheid im Laden
gewusst.
Der Polizeidiener musste lachen, da sah er, dass es dem Kinde ernst war.
"Nun, geh nur heim," sagte er, "da drinnen siehst auch nicht
mehr viel, es wird bald dunkel." Da wurde es Margretchen doch ein wenig
bang, es wollte ganz geschwind wieder zurücklaufen, gerad durch die
Straße, durch die es gekommen war. Ja, das ging nicht so leicht! Sie lief
durch allerlei Gassen und Gässchen und meinte immer, jetzt müsse sie
an die rechte kommen, wo an
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