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Ein Weihnachtabend

Gabriele

Weihnachtsgeschichte von Ottilie Wildermuth ( 1817 bis 1877 )

Margretchen war fast noch gar nie über die enge Gasse hinausgekommen, in der die Eltern gelebt und wo jetzt auch Frau Bendel wohnte. Nur ein kleine wenig konnte sie sich's noch denken, wie sie einmal mit Vater und Mutter einen Spaziergang gemacht hatte weit hinaus, wo grüne Wiesen waren und gelbe Blümchen darauf, von denen sie einen ganzen Strauß hatte selbst pflücken dürfen. "Gehen wir nicht auch ein einziges Mal auf eine so schöne Wiese?" hatte sie ein paar Mal Frau Bendel gefragt. "O Mädel, da ist's grausig weit!" hatte sie gesagt; "auf den Sommer einmal, am Sonntag, jetzt hab' ich keine Zeit, hab' zu viel zu flicken, wenn ich daheim bin." Nun schien einmal nachmittags die Sonne so gar schön warm und die Kleine saß allein auf der Bank vor dem Hause. Da gelüstete sie's, sie möchte doch wohl sehen, wie's draußen sei; so ging sie dann die Gasse hinunter in eine andere Gasse, da war's nicht viel schöner, - weiter, immer weiter, es wurde ihr fast bang unter den fremden hohen Häusern: "Wo geht's denn hinaus?" fragte sie endlich einen Mann. "Wo `naus?" fragte der. "Ach, wo die Wiese ist!" sagte Margretchen. "Schafft deine Mutter vielleicht draußen in den Gärten?" sagte der Mann, der nicht recht wusste, was das Kind wollte; "da, geh nur gerad die Straße hinunter, so kommst du hinaus, finden wirst sie schon."
Auf diese Wiese kam nun Margret nicht, aber in die Vorstadt, wo auf einer Seite neue, freundliche Häuser standen, und auf der andern schöne Gärten, - es kam dem Kind ganz wunderbarlich vor und wurde ihm fast schwindlich in der Helle, da sie nur die trübe Gasse gewöhnt war. Auf einmal blieb sie ganz verwundert stehen vor einem Haus, das besonders schön und freundlich in einem Garten stand, so schön hatte Margretchen doch in ihrem Leben nichts gesehen! Ein niedriger schwarzer Zaun schloss den Garten gegen die Straße ab; frische grüne Rasenplätze waren auf beiden Seiten und Blumenstöcke mit prachtvollen Georginen und schönen brennendroten Geranien dazwischen, ein Springbrunnen stieg mit einem dünnen silbernen Strahl in die Höhe und nah am Haus da waren noch die allerschönsten Blumenstöcke.
Das Haus war wie ein Schweizerhaus gebaut mit einem Balkon und zierlich geschnitztem Dach; vor dem Haus zwischen den Blumen stand ein Tischchen, und darauf allerlei gute Sachen; auf einem Rohrstuhl saß eine schöne Frau, und daneben in einem weichen Lehnsessel, mit rotem Samt gepolstert, ein kleines Mädchen, nicht viel größer als Margret, mit einem schneeweißen, zarten Gesichtchen, das ganz durchsichtig aus einem feinen Spitzenhäubchen mit rosa Schleifen blickte. Margretchen stand und blickte wie im Traum, es kam ihr das alles zusammen so ganz wunderbar und schön vor; so schön, dachte sie, werde es vielleicht im Himmel sein, wo jetzt die selige Mutter sei und der Vater. Das fremde Mädchen selbst, wie es so zart und blass dalag, erschien ihr fast wie ein Engel. "Liebe Frau, Gabriele soll jetzt in's Haus, es wird kühl!" rief es vom Hause.
Gabriele! ach was war das ein schöner Name! Margretchen stand noch immer und konnte sich nicht satt sehen, bis eine Magd kam, die das kranke Mädchen sorgfältig in die Arme nahm und ins Haus trug.
Weil oft Leute stehen blieben vor dem schönen Haus und Garten, so hatte die Dame und die kleine Kranke nicht auf das Kind geachtet; ein vorübergehender Polizeidiener aber, der vorher schon verdrießlich war, klopfte sie unsanft auf die Achsel und sagte: "Nun, was stehst du da und hast Maulaffen feil? Herr Soden kann's nicht leiden, wenn man so hineinglotzt." "Wir haben gar nichts mehr feil," sagte Margret treuherzig; "die Mutter ist ja tot, und Maulaffen haben wir gar nicht im Laden gehabt, nur Maultrommeln; aber sie haben nicht geschnurrt, sie sind rostig geworden." Margretchen hatte schon recht gut Bescheid im Laden gewusst.
Der Polizeidiener musste lachen, da sah er, dass es dem Kinde ernst war. "Nun, geh nur heim," sagte er, "da drinnen siehst auch nicht mehr viel, es wird bald dunkel." Da wurde es Margretchen doch ein wenig bang, es wollte ganz geschwind wieder zurücklaufen, gerad durch die Straße, durch die es gekommen war. Ja, das ging nicht so leicht! Sie lief durch allerlei Gassen und Gässchen und meinte immer, jetzt müsse sie an die rechte kommen, wo an





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Ein Weihnachtabend:
1. Ein Weihnachtabend
2. Margretchen allein
3. Gabriele
4. Margret verirrt sich wieder
5. Gabrielens Christabend
6. Das Schwesterlein






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